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Gesellschaft/Kommentar

Ich frage mich wieso ist in Österreich etwas möglich, was in Deutschland keine Maus hinter dem Ofen hervorholt. Wieso werden Adelsdebatten bevorzugt in Österreich geführt? Ist das Trauma des Machtverlustes in Österreich wirklich soviel größer als anderswo? Ein Vergleich mit anderen Ländern scheint das zu bestätigen.

Der Umgang mit dem Adel ist in Deutschland scheinbar zwangloser von beiden Seiten. Der historische Adel in Deutschland betont nicht ständig das sie sich ja vom restlichen Volk abheben und im Gegenzug ist ein adeliger Name weder Vor- noch Nachteil. In Ländern mit bestehender Krone wird der Hochadel als Unterhaltungsmaschine missbraucht. In Ländern mit abgeschafften Adel hat der Adel die Zeit erkannt und halten nichts mehr auf ihre ehemalige Titel. Ist Österreich mit dem starken Leitadel der Habsburger derartig traumatisiert?

Der Umgang in Österreich, speziell von Seiten des Adels, ist selbst 94 Jahre nach der Republiksgründung immer noch angespannt mit seltsamen Knistern. Um diese andere Situation zu klären ist es nötig einen Blick in die Geschichte zu werfen, da dort die spezielle Stellung Österreichs leichter nachvollziehbar ist.
Anfang des 20. Jahrhunderts hatte die Familie Habsburg die absolute Leitposition (auch innerhalb des Adels) in Österreich-Ungarn inne. Innerhalb von Europa waren die Habsburger einer der mächtigsten Familien und verwalteten das zweitgrößte Land Europas nach Russland. Sie waren einer der ältesten Adelshäuser mit durchgehender Führungsrolle. Dadurch kann man die Habsburger auch nicht ohne weiters mit anderen Adelshäuser vergleichen. Durch die Niederlage im 1. Weltkrieg, der den Charakter einer Entscheidung des Schicksal der Monarchie bereits am Beginn inne hatte wurde das Ende der Monarchie in (Deutsch-)Österreich unausweichlich. Am 3.April 1919 wurde schließlich das Adelsaufhebungsgesetz im Parlament beschlossen und damit zusammen mit Artikel 7 des Bundesverfassungsgesetz alle Bedingungen geschaffen, wie der frühere Adel behandelt wird.
Die wichtigsten Punkte noch mal kurz aufgelistet:

  • „Alle Bundesbürger sind vor dem Gesetz gleich. Vorrechte der Geburt, des Geschlechtes, des Standes, der Klasse und des Bekenntnisses sind ausgeschlossen.“
  • „Aufhebung des Rechts zur Führung des Adelszeichens von“
  • „Der Adel, seine äußeren Ehrenvorzüge sowie bloß zur Auszeichnung verliehene, mit einer amtlichen Stellung, dem Beruf oder einer wissenschaftlichen oder künstlerischen Befähigung nicht im Zusammenhänge stehenden Titel und Würden und die damit verbundenen Ehrenvorzüge österreichischer Staatsbürger werden aufgehoben“
  • „Die Führung dieser Adelsbezeichnungen, Titel und Würden ist untersagt. Übertretungen werden von den politischen Behörden mit Geld bis zu 20.000K (Anm.: Kronen) oder Arrest bis zu sechs Monaten bestraft.“

Zusammen mit dem Entzug des passiven Wahlrechts der Angehörigen des Hauses Habsburg-Lothringen und der Ausweisung der engsten Mitglieder wurde die Demokratie weiter gegen Herrschaftsansprüche der Habsburger geschützt.
Die Einreise wurde sukzessive wieder gewährt, der berühmte Habsburgerparagraph wurde am 16. Juni 2011 aufgehoben. Die Enteignungen lasse ich beiseite da diese am wenigsten am
Selbstverständnis des Adels gerüttelt hat.
Im Vergleich zu anderen Ländern wie Deutschland oder ehemalige Kronländer von Österreich-Ungarn fallen die Bestimmungen strikt und konsequent aus. Durch den im Vergleich zu anderen Ländern stärkeren (nicht zahlenmäßig sondern als Begriff der Macht) Adel wurde und war dies auch notwendig.

Somit sind wir auch schon in der Gegenwart angekommen und können uns endgültig der neu aufflammenden Diskussion ausgelöst durch Ulrich Habsburg-Lothringen widmen.
Mit seinen Vorschlägen offenbart Ulrich Habsburg-Lothringen ein Adelsbild was erschreckend ist. Sowohl von Seite der Antiquiertheit als auch von Seite der Abgehobenheit.

Heutzutage ist es schwer abseits der ererbten Titel einen gemeinsame, verbindende Eigenschaft des Adels zu finden. Man kann weder mit dem Adjektiv adel einen gewissen gemeinsamen Reichtum verbinden, noch eine moralische Instanz (ganz abgesehen davon wieso das eine gemeinsame Eigenschaft sein sollte) oder besonderer Bildung.
Auch wenn man sich noch so bemüht, als gemeinsame Eigenschaft bleibt einem immer nur der ererbte Teil übrig. Abseits von dem ist das Word adel eine reine Worthülse.

Ulrich Ferdinand Gudmund Habsburg-Lothringen (Anm. zur Einordnung: Ur-Ur-Ur-Ur-Urenkel von Königin Maria Theresia und Neffe dritten Grades von Otto von Habsburg) fordert jetzt eine Wiedereinführung der Adelstitel mit dem Vorbild Deutschlands.
Als Argumente bringt er Zitat: <<die Polarisierung zwischen Aristokraten und Nicht-Aristokraten würde gelindert>> und Zitat: <<Eine Gleichstellung der Adelstitel innerhalb der EU muss früher oder später sowieso kommen, da es bei international verzweigten Familien nicht haltbar ist, wenn ein Teil den Adelstitel führen darf und der andere Teil nicht>>.
Ist es nicht Faktum das die bestehende Polarisierung die zu Teilen noch vorherrscht immer noch vom Adel angetrieben wird (dies in Erinnerung behalten bis zu der zweiten Forderung von Ulrich Habsburg-Lothringen). Die nicht adelige Bevölkerung meint es doch mit dem ehemaligen Adel nicht mehr bös‘.
Es wurden eher neue Scheinadelige wie Lugner, Schiller und Hillinger geschaffen. Wenn diese nicht ausreichen werden Adelige aus anderen Ländern wie die englische, belgische und schwedische Krone benutzt um die scheinbar innewohnende Gier zu befriedigen.
In ländlichen Gegend hat sich bis heute die Sprechweise nicht verändert und es wird immer noch vom Graf oder Sonstigem gesprochen, wie ich aus meiner Heimat auch selbst bestätigen kann. Dies entsteht durch eine seltsame Mischung aus alten Gehorsam, Gleichgültigkeit und mangelndem Problembewusstsein indem sich die ehemaligen Adeligen dann meist vortrefflich suhlen.
Mit dem zweiten Argument versucht Ulrich Habsburg-Lothringen ein Problem zu schaffen welches nicht existiert. In zahlreichen Ländern sind die Adelstitel ähnlich zu Österreich abgeschafft. Um nur einige Beispiel zu nennen sind das Polen, Tschechien oder Griechenland die vergleichbare Regelungen getroffen haben. Nach Habsburg-Lothringscher Logik müsste auch für diese Staaten eine Lösung gefunden werden.
Verschiedene Namen ändern nichts an Verwandschaft, Stellung zu einander und Gesellschaftsposition in anderen Ländern. Das Nichtführen des Titels in manchen Ländern hat also keine Auswirkung auf das Leben der betroffenen Personen in der EU. Vermutlich war er sich dieses Problems bei dieser Schwäche des Arguments auch selbst bewusst da er dies auch nicht genauer erläutert hat.

Einmal dem Populismus verfallen legte er am nächsten Tag nach und kam mit folgenden Forderungen / Vorschlägen auf.
Zitat: <<Der Staat solle auch an Titeln verdienen können: So könnte die Republik Fürstentitel um 100.000 Euro oder ein „von“ vor dem Nachnamen um 5000 Euro verkaufen – und zwar an „jedermann“, aber mit zeitlicher Befristung, sagt Habsburg. „Adelstitel werden in Österreich auf zehn Jahre vergeben.“>>
Mit dieser Aussage hat er dem Adel in Österreich einen gehörigen Bärendienst erwiesen. Adelstitel scheinen für ihn so wertvoll zu sein, dass man problemlos hohe Summen verlangen kann. Dadurch unternimmt Ulrich Habsburg-Lothringen einen Versuch die letzte oben erwähnte Bastion des Adels einzureißen. Er versucht dem Adel die Eigenschaft wegzunehmen das man nicht durch Geld zu diesem Kreis hinzustoßen kann.
Die Tür jedem dahergelaufenen Reichem Zugang zum Adel zu verschaffen steht dadurch türangelweit offen. Dies würde einen neuen Geldadel schaffen (der Beamtenadel im 19. Jahrhundert war zum Teil auch Geldadel) der für eine Hülle, die weder vom Adel(es anzuzweifeln das der Adel jemanden akzeptiert der sich den Titel kaufen musste) noch von der Gesellschaft anerkannt wird, ordentlich blechen kann.
Die einen haben ihre alte Standeshinweise zurück, den anderen würden sie zeitlich begrenzt für etwas offiziell Wertloses das Geld aus der Tasche ziehen. Wie soll man da einem ehemaligen Hochadeligen den glauben das er sich für nichts „Besseres“ hält. Da hält man es gern mit Faust der anmerkte: <<Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube>>.
Auf der einen Seite hält er Adel immer noch für etwas besonderes indem er indirekt die Titel so wertvoll hält indem er hohe Summen veranschlagt und damit einen tiefen Einblick in seine Einstellung gibt. Alleine die vermittelte Höherschätzung würde argumentativ bereits genügen die Adelstitel weiterhin zu verbieten.
Solange solche Personen den Artikel 7 des Bundesverfassungsgesetzes nicht akzeptieren muss es eigentlich heißen: „Jetzt erst recht nicht!“. Das wäre einmal eine Trotzreaktion die gerechtfertigt ist. Solange solch elementare Dinge wie die Bundesverfassung in Frage gestellt wird hat man sich auch nichts anderes verdient.

Zusätzlich fordert Ulrich Habsburg-Lothringen Österreich solle zu seiner Geschichte stehen. Herr Habsburg-Lothringen scheint über eine andere Geschichtsschreibung zu verfügen wie in der Schule gelehrt wird. Die Habsburger-Monarchie wird im demokratischen-republikanischen Geschichtsunterricht umfassend beleuchtet und großteils in einem positiven Licht dargestellt. Man lernt aber auch zu gut über die negativen Seiten um sie zu vergessen.
Die Österreicher wissen einfach zu gut um Gegenreformation, Metternich und Polizeistaat um zu vergessen was sie an der Demokratie haben. Die Abschaffung der Adelstitel hat sich in Österreich historisch als nötige Umsetzung herausgestellt die sich später bewährt hat. Man soll also den Aufruf sich auf seine Geschichte zu besinnen ernst nehmen und daraus an der Beibehaltung des Adelsaufhebungsgesetz festhalten.
Die Habsburger, von denen solche Diskussionen immer kommen, haben scheinbar das Trauma noch nicht überwunden entmachtet geworden zu sein. Lassen wir ihnen noch etwas Zeit andere Adelshäuser haben auch einmal gelernt sich der neuen Situation zu fügen, auch die Habsburger können das schaffen. Solange als Gründe für die Wiedereinführung der Titel nur ehemalige verletzte Gefühle und Herrschaftsdenken stecken sollte man die Diskussion gar nicht zu ernst nehmen. Trotzdem bin ich gespannt auf seinen Vortrag am Samstag. Wenn keine neuen „Erkenntnisse“ auftauchen werde ich dieses Thema ruhen lassen.

Dies ist ein Kommentar und spiegelt daher die persönliche Meinung des Autors wieder!

Quellen:

Kurier – Habsburg will Adelstitel wieder einführen

Presse – Ein Fürstentitel um 100.000€

Wikipedia – Adel